Vorstellung der Nichtsee
Oktober 29, 2022 aktion
der Wind lüftet die Haare die Sonne wärmt die Handrücken
der Regen durchnässt die Jacke
die Erde haftet an den Schuhen
nicht
See
die Fasern
nun vollgesogen
wringe ich
die Spuren aus
In meiner Phantasie konnte ich rücksichtslos und erfinderisch Selbstbestimmen. Ich wollte erobern, oben auf sein. Ich bestieg den höchsten Turm der Welt, ein ineinandergeschobener gigantischer Holzstapel. Er konnte von überall aus gesehen werden und ich konnte die ganze Welt beobachten.
In einem selbstgebauten U-Boot tauchte ich als Reiseleiterin mit allen Freunden durch gefährliche Unterwasserschluchten, zeigte Riesentintenfische, orange-leuchtende Seepferdchen und vermeintlich nie gesehene Quadratfische mit Antennen. In einem Helikopter überquerten wir die höchsten Eisberge, die Bären winkten uns von der Spitze mit einem Felltaschentuch zu, bis wir am Horizont verschwanden.
Ich wusste als einzige immer den Weg. Ich war mittendrin und träumte mich an die Orte, die ich mir vorstellte. Meine Einbildungskraft war eingefärbt von Actionserien und Filme mit ferngesteuerten Autos, fliegenden Anzügen und scheinbar unverwundbaren Menschen, die an die exotischsten Orte reisen konnten. Auch eine auf dem Besen reitende Hexe kam vor.
Als ich mit elf Jahren den ersten eigenen neonleuchtgelben Wohnungsschlüssel erhielt, öffneten sich mir völlig neue Wege. Ich konnte gehen und kommen, wann ich wollte. Die bisherigen Tragträumereien verlagerten sich in den realen Raum. Dort draussen habe ich mir im Dorfbach die erste und bisher einzige Scherbe in den Fuss gerammt, im Wald Hütten aus Ästen und Laub gebaut, auf Nachtwanderungen durch die leeren Strassen zum ersten Mal einen Stadtfuchs entdeckt.
Finissage, Präsentation Schreibprojekt 'ich gehe mich'- Lehrgang literarisches Schreiben, Volkshochschule Zürich, 2022