Im Transit

 Oktober 29, 2022    aktion
Ich sitze zuhause auf einem Stuhl am offenen Fenster und blicke durch das rechteckige Tor zur gegenüberliegenden Bushaltestelle. Dabei stütze ich meine Arme auf ein Kissen. Neben mir steht ein Kanne voll selbstgemachter Ingwerlimonade. Ab und ab trinke ich auch etwas Stärkeres in ähnlicher Farbe.

Ich schaue auf die Wartenden, bin selbst eine. Der Bus schiebt sich vor meine Sicht und neue Personen steigen aus, Wartende steigen zu. Zu Beginn ist es ein Gewusel, aber je länger ich die Szenerie beobachte, umso mehr entdecke ich. Da ist dieses ältere Paar, es steht vor dem Fahrplan und studiert Zeile für Zeile, diskutiert und weicht dabei keinen Zentimeter vom Plan ab. Die Frau dreht sich nach einer Weile um, denn eine betagte Dame möchte einen Blick auf die Angaben werfen. Der Mann gestikuliert weiterhin wie wild. Die Oma dahinter stellt sich auf die Zehenspitzen und versucht zwischen den Beiden hindurch zu sehen.
Gleichzeitig brüllt auf der einen Seite des Wartehäuschen ein Anzugmann konstant ins Telefon, während auf der anderen Seite eine ziemlich alkoholisierte Frau eine unschöne Episode ihres Lebens immer und immer wieder in ihr Telefon beichtet. Was würde wohl passieren, wenn ich den Beiden die Telefone vertauschen würde?

Ein Gruppe Schulkinder steht kichernd vor der Haltestelle, beklebt den Mülleimer mit rosaroten Bazooka-Kaugummis. Dahinter sitzt ein rothaariger Mann im Karohemd auf der Bank und lackiert sich pfeifend seine Fingernägel. Ich überlege mir meine mal wieder zu schneiden und allenfalls pink anzumalen.

Aber da stimmt ein pickeliger bleichgesichtiger Jugendlicher im perfekten Italienisch eine Arie aus La Fanciulla del West an. Der Anzugmann und die angetrunkene Frau fangen an mit Wasserfarben eine abgefahrene Mondlandschaft auf die Glasscheiben der Haltestelle zu malen. Das ältere Ehepaar steigt daraufhin auf die Bank und legt einen veritablen rocknroll-Tanz hin. Und die blümchenkleidgedauerwellte Oma macht mit Schwung einen Handstand und bindet sich dabei noch die Schuhe.

In solchen Momenten packt es mich. Ich steige aus dem Fenster und geselle mich zu den Wartenden. Tröste verständnisvoll die Busverpasser:innen, gebe grosszügig und blumig Auskunft zur Wandmalerei, erzähle den kichernden Schulkindern meine Lieblingswitze und pfeife im Schneidersitz ein frei erfundenes Medley für die Rocknroller:innen. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Die letzten Wartenden sind in der Zwischenzeit in den Bus eingestiegen, der Mülleimer ist voll, die Bank verweist. Feierabend. Ich berühre den Schriftzug der Haltestelle, Paradies, und überquere langsam die Strasse, zu dem eingerahmten Blick auf mich.

Finissage, Präsentation Schreibprojekt 'ich gehe mich'- Lehrgang literarisches Schreiben, Volkshochschule Zürich, 2022