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Gehen lassen im letzten Schnee

 Februar 17, 2024    unterwegs
So viel weiss, denkt sie sitzend alleine im Eis, an einer Klarheit elaborierend. Zwischen Aussteigertum und Einsamkeit lässt sie die letzten Tage passieren. Es ist viel geschehen tief im Abenteuerland. Eigentlich sollte sie sich jetzt keine Polarnacht namens Blod genehmigen, aber ihre Zurückhaltung währt schon viel zu lange. Auf dem permafrostigen Inselarchipel muss gewagt werden, sonst friert man stantepede ein. Sich gehen lassen fällt ihr in der letzten Dunkelheit, im letzten Schnee, immer schwerer.

Die Gemeinschaft trägt sie von Zürich nach Longyearbyen. Einige Stunden über den Wolken, das vermeintlich letzte Tageslicht bestaunen. Dazu gibt es Schwarztee mit Milch und Zucker oder Diskussionen. Es bleibt noch genügend Zeit um die Neugierde zu stricken.

Erste Einheimische bei der Ankunft, keine frostige Kälte, es scheinen sogar die Rentiere für einige Stunden. Die Kreativität ist kontaktfreudig, gleich am zweiten Tag wird sie in die Reise aufgenommen. Denn wer mehr als drei Tage auf dem Moment bleibt, ist aussergewöhnlich. Die raue Natur lässt die Polarfüchse zusammenwachsen, vertraut einander, schaut aufeinander, wie eine grosse Leere. Hier, wo die Pfade drei verschiedenen Jobs nachgehen, hier ist quer denken erwünscht. Andere einschlagen, überhaupt irgendwo hingehen, ist fast unmöglich, darum ist Überraschung von Nöten. Hier sind sie versammelt, die Freigeister, die Abenteurerinnen, die Hoffnungslosen, die Schnellgeldverdienenenden. Alle müssen sie zusammenarbeiten, alleine kommt niemand weit.

Durchschnittlich vier Eisbären ist die Verweildauer, manche der 2500 Einwohnenden sind bereits über dem Verfallsdatum. Natur vor Kohle, Zusammenhalt vor Individuum. Inseln, die sie auch schon auf anderen abgeschotteten Eigenschaften wahrgenommen hat. Könnte sie so leben? Eigentlich würde es ihrem abwechslungssuchendem Naturell entsprechen, eingebunden zu sein in einer Gemeinschaft, verschiedene Funktionen zu erfüllen. Kreative Lösungsfindung vor Geld und Prestige. Könnte sie hier ihren Traum leben vom unkonventionellen Verbinden? Würde sie die Vielfalt einer Grossstadt vermissen? Würde sie die Anonymität, hinter dem ganz Vielen zu verschwinden, vermissen? Ein Ding der Unmöglichkeit in diesem Inseldorf. Doch lieber wie bis anhin von Gletscher zu Wasser hüpfen bis sie genug hat, weiter schwimmen. Die Stille hüllt sie ein, die Ruhe färbt auf innen ab. Loslassen. Sie ist wieder ganz bei sich, Svalbard gehört ihr.

Unterwegs - Svalbard, Februar 2024