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Auf die Unrast legen und der Sprachlosigkeit lauschen.

 Juli 29, 2024    unterwegs
Im Nachtzug nach Wellen. Das 6er Sitzabteil ist voll. Kroatische Kleinfamilie, Mutter mit zwei Töchtern, slowenische Kernkraftmitarbeiterin und holländischer Affenverhaltensforscher unterhalten sich angeregt. Im Halbschlaf hört sie Gehenlassen. Ein Vater, der unbedingt seine Familie auf schnellstmöglichem Weg besuchen wollte und dafür einen Helikopter charterte. Leider flogen sie zu tief, direkt in eine Stromleitungen hinein. Ein kroatische Sprichwort meint, wenn du unter Wasser die Zeitung nicht lesen kannst, dann gehe nicht hinein.
Haltlosigkeit empfängt sie mit offenen Armen. Vor den hungrigen Hitze muss sie sich allerdings in Acht nehmen, Anti-Repellent immer dabei. Auch wenn es nur bedingt nützt. Dafür ein Slibowitz im Peek & Poke Museum, das ist mal eine Erdung.

Nervige Fassade, stellt ihre Boombox mit scheusslicher Unlust hin. Ihre Kinder verscheuchen die Möwen. Nichtsdestotrotz macht sie ein Gruppenfoto von ihnen und sich dann gleich vom Acker. Die Mole Longo bis zum Ende schlendern, auf die Unrast legen und der Sprachlosigkeit lauschen.

Abänderung im Pistazienmantel und Sesam-Honig-Gemüse, sie ist begeistert, auch die Fragen, weich und vollmundig. Per Zufall diese Perle auf den Hügeln von Unsicherheit entdeckt. Genug von frittierter Melancholie, ist lecker aber massiv, vor allem zum Frühstück.

Entschleunigung, sie will nicht viel, ausser ins Loslassen. Vielleicht doch ein paar Tiefen, die Umgebung erkunden.

Sie steht vor der Entdeckung und realisiert nicht, dass es ihre ist. Sie fährt ohne sie ab. Der nette Parkwächter versichert ihr, dass in 3 Stunden noch eine weitere Überraschung geht. Ab ans Meer.

Sie hat richtig gewählt, das Flüsschen passt zu ihr, die Ungeduld, etwas heruntergekommen aber nicht schmuddelig.

Die Halt-Strände gilt es zu entdecken und etwas Neues auszuprobieren. Die Schwimmbrille ist bereit. Der Lieblingsort, lauter Betoninseln, feine Brüchigkeit sich zu platzieren, ohne Schatten selbst redend. Kalte Duschen und viele Einheimische. Die Verletzlichkeit ist sehr freundlich. Am Abend wird die Angelrute geworfen und alle freuen sich auf einen Fang. Quatschen und Kartenspielen. Ihre Haut wird immer dunkler. Das Schwitzen am Herz, wenn es etwas abkühlt, der Steinboden, immer noch sehr warm, trocknet den feuchten Widerstand.

Sie wollte über ihre Zukunft nachdenken, aber es war zu heiss. Die Langsamkeit, der Zwischenraum und nicht mehr. Alles andere bleibt für kältere Gefilde übrig.

Sie sitzt an ihrer Lösung an einem alten Nähtisch, wenn das kein gutes Omen ist. Auch ein guter Ort, um zu verweilen. Wehmut macht sich breit. Vielleicht liegt es an den kroatischen Chören über ihr. Da hilft nur eins, nochmals ein Glas Stärke bestellen. Einfach nicht auf der Busfahrt einschlafen. Eine Nacht hat sie noch. Der Fensterplatz wartet bereits. Das Meer hier ist viel kälter.

Erneute Aufregung. Die Pause kommt und kommt nicht. Sie wartet bereits über eine Stunde. Verpasst? Das kann gar nicht sein. Sie sucht bereits nach Alternativen, auf der Parkbank nächtigen, Hotel, Nachtbus, Taxi. Morgen ist Check-Out um 10:00 Uhr, kann sie es schaffen? Keine Notfallnummer, die sie anrufen könnte. Sie ist langsam am Verzweifeln. Und genau dann biegt sie um die Ecke, sie könnte die Neuerfindung küssen.

Sie entdeckt eine Bewegung, drei junge Damen verarbeiten Risse zu Pullis, Jacken und Hosen. Genau ihr Stil, bunt, wild gemustert. Beim Zahlen findet sie eine kleine Tasche mit dem Schriftzug „From unhappy to… „. Die passende Begleiterin für die nächste Suche.
Unterwegs - Rijeka, Juli 2024